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  Ida Rolf und menschliche Evolution

     
    Das Hauptanliegen der deutschstämmigen Amerikanerin Dr. Ida P. Rolf (1896 – 1979) war die Entwicklung des gesamten Menschen. Körper, Seele, Geist, die sogenann-
    ten spirituellen Aspekte und auch der Umraum des Men- schen bildeten für sie eine unauflösliche Einheit: Sie wir- ken zusammen und beeinflussen einander.
     „Wir sind noch nicht wirklich aufrecht, wir sind erst auf dem Weg zu einem aufrechten Sein. Dies ist eine meta-
    physische Erwägung. Eine der Aufgaben eines Rolfers be-
    steht darin, diesen Prozeß zu beschleunigen. Wir wollen dem Menschen aus dem Zustand heraushelfen, in dem die Schwerkraft sein Feind ist. Wir wollen ihm dabei hel- fen, dass die Schwerkraft ihn stärkt und zum Freund wird, einer nährenden Kraft.“


 

Bereits Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts praktizierte und lehrte sie Hatha Yoga, als östliche Philoso- phie und Praxis noch alles andere als modern und gesell- schaftlich akzeptiert waren. Hatha Yoga war für sie ein Zu- gang zur Entfaltung des menschlichen Potentials in körperli- cher, seelisch-geistiger und „spiritueller“ Hinsicht. Sie war fas- ziniert von der Grundannahme des Yoga, dass körperliche Ent- wicklung auch Seele und Geist positiv beeinflusst und sich durch körperliche Schulung die menschlichen Qualitäten auf das höchstmögliche Niveau steigern lassen. Dieses System zur Entfaltung des menschlichen Potentials wurde und blieb für sie die Basis ihrer Arbeit. In scherzhafter Bewunderung bezeichnete man das nach ihr benannte Rolfing auch als “instant yoga”

Ihre Begabung, wesentliche Prinzipien zu erfassen, führten schließlich zur Entwicklung ihrer eigenen Arbeitsweise, der Strukturellen Integration, die Befreiung des Bindegewebes mit Bewusstseinsschulung verbindet. Die daraus resultierende optimalere Organisation des Körpers war für sie der direkte Weg zu höherem Bewusstsein.
Ida Rolf hatte ihren Doktortitel in Biochemie 1920 an der Columbia Universität erworben. Ihr wissenschaftlicher Hinter- grund und ihr Wunsch, ihre Ideen der rational geprägten west- lichen Kultur nahe zu bringen, veranlassten sie, ihre Erkennt- nisse in anatomischer und physikalischer Sprache zu formu- lieren, und zwar trotz ihrer Einblicke in die tieferen und daher wissenschaftlich kaum nachweisbaren Aspekte ihrer Arbeit.
Aus ihren Forschungen als Biochemikern erkannte sie die Wichtigkeit eines elastischen  Bindegewebes (chemisch Collagen) für den gesamten Organismus. Es ist das Organ, das dem Körper Struktur und Form gibt und alle Teile des Körpers umhüllt und miteinander verbindet. Es kann sich auf- grund von unphysiologischen Belastungen, vor allem durch sogenannte „schlechte Haltung“ verdicken, verhärten, starr werden und mit einander verkleben; es löst und regeneriert sich jedoch durch angemessene Behandlung und Bewegungs- schulung rasch wieder. Die Körpersegmente lassen sich über das Bindegewebe so zu einer optimaleren Gesamtstruktur im Sinne einer „aufrechten Haltung“ anordnen, der jedem Menschen innewohnenden Idealstruktur.

Andererseits  bestimmt die Struktur des Körpers seine Bezieh- ung zum Schwerefeld der Erde, das ständig auf ihn einwirkt. Die Schwerkraft sollte durch die Mitte des Körpers fließen, so dass sie sein eigenes kleineres Energiefeld stärkt und ihn auf- richtet, statt ihn zusammen zu drücken. Die Beziehung zur Schwerkraft sah Ida Rolf als Schlüssel zur Entwicklung des Menschen: „Der eine mag seinen verlorenen Kampf mit der Schwerkraft als scharfen Schmerz im Rücken empfinden, ein anderer als ein wenig schmeichelhaftes Aussehen seines Kör- pers, wieder ein anderer als ständige Müdigkeit und Streß und noch jemand als ständig bedrohliche Umwelt. Diejenigen, die über vierzig sind, mögen es Alter nennen – all diese Signale können aber auch auf ein einzelnes, bzw. einziges Problem hindeuten: der Körper ist außer Balance geraten. Er ist im Konflikt mit der Schwerkraft.“

Yoga ermöglichte ihr zu erfahren, dass der Mensch ein un- trennbares Ganzes ist, dessen Potential sich über den Körper entfalten läßt. Körper verkürzen sich als Kompensation von körperlichen Verletzungen oder Entwicklungsproblemen. Sie brauchen daher Länge und Ausgewogenheit: Die extrinsische, d.h. die Skelettmuskulatur muß gedehnt und gelöst werden, um die tiefer liegende intrinsische Muskulatur von der Überla- gerung durch die extrinsischen Muskeln zu  befreien. Für Ida Rolf war die Tätigkeit der intrinsischen Muskulatur, also die Bewegung von innen heraus, wie sie z.B. östliche Kampfkün- ste entwickeln, ein Gradmesser auch der seelisch-geistigen Reife: „Hauptsächlich in der extrinsischen Muskulatur zu le- ben, charakterisiert die ganz Jungen; es ist ein Merkmal der Unreife. Es scheint, als würde man unreif bleiben, so lange man hauptsächlich die extrinsischen Muskeln benutzt. Viel- leicht wird man reif, wenn man die intrinsische Muskulatur hinzu nimmt und beide ins Gleichgewicht bringt. So sieht es jedenfalls aus, wenn man mit Kindern arbeitet.“

Das Studium der Homöopathie lehrte sie, den Körper als die leibgewordene Geschichte eines Menschen zu betrachten, schichtweise von außen nach innen vorzugehen und die Selbstheilungskräfte im Menschen anzuregen, statt äußerlich Symptome beseitigen zu wollen.

Zahlreiche weitere Anregungen stammen aus der Osteopathie, von Gurdjieff/Ouspenky,  anderen Bewegungsschulen usw. und vor allem aus ihrer jahrzehntelangen praktischen Erfahrung.

Seit Anfang der 40er Jahre arbeitete sie mit Menschen, die von ihr gehört hatten und Hilfe brauchten. Anfangs verwandte sie nur Yoga-Übungen.  In Verbindung mit den von ihr erkann- ten Prinzipien kristallisierte sich daraus schließlich ihr eigener Ansatz, den sie Strukturelle Integration nannte, eine Verbind- ung zwischen Manipulation und Übungen. Schließlich entwi- ckelte und lehrte sie eine geniale Folge von 10 Sitzungen, in denen das Bindegewebe systematisch ausgeglichen wird mit dem Ziel, den Menschen ins Lot zu bringen, d.h. in eine ange- messenere Beziehung zu sich selbst und zur Schwerkraft.

Eine Erweiterung erfuhr ihre Tätigkeit, als sie im Rahmen ihrer Studien bei dem Semantiker Korzybski einen gewissen Sam Fulkerson kennen lernte, der sie drängte, ihre Arbeit systema- tisch zu unterrichten. Er arrangierte Kurse für Osteopathen und Chiropraktiker, zu deren Kreisen er beruflich Zugang hat- te. Diese Leute betrachteten Rolfing aber nur als eine weitere wertvolle Technik, die sie in ihre gewohnte Praxis übernehmen konnten. Ida Rolf ging es jedoch um mehr und etwas ganz anderes. Symptome zu beseitigen, hieß für sie, sie von einer Stelle zur anderen und womöglich in einen tieferen Bereich zu verschieben. Sie wollte Menschen in ihrer Gesamtentwicklung unterstützen.
Ihre Erfahrung lehrte sie, dass Symptome von alleine ver- schwinden können, wenn der Organismus mehr in sein Gleich- gewicht kommt – die Schwerkraft wird zum Heiler.
“So viele Menschen bekämpfen das Krankheitsmuster, statt das Gesundheitsmuster zu unterstützen. Etwas, was Sie als Rolfer immer betonen müssen, ist, daß Sie keine Krankheiten heilen; Sie aktivieren Gesundheit. Das ist möglich, wenn Sie das Strukturbild des gesunden Zustands verstehen. Wenn Sie die Struktur eines Menschen in Übereinstimmung mit dem gesunden Bild bringen, erreichen Sie Gesundheit. Sie aktivie- ren Gesundheit.
... Sie sind Spezialisten für Gesundheit, nicht für Krankheiten.
... Dies macht Rolfer zu einer neuen Art von Therapeuten. Und das wird die Menschen ganz anders anregen - sie richten ihre Aufmerksamkeit auf die bessere Ausgestaltung von Geist und Körper.”

Nachdem sie viele Jahre in ganz Nordamerika und in England mit Menschen gearbeitet und Strukturelle Integration unter- richtet hatte, eröffnete sich eine neue Dimension, als Fritz Perls, der „Vater der Gestalttherapie“, sie bat, nach Esalen zu kommen und ihm zu helfen. Er litt seit langem unter starken Herzproblemen und war in einem sehr schlechtem Allgemein- zustand. In der 7. Sitzung mit Ida Rolf wurde Perls plötzlich ohnmächtig und erlebte während dieser Minuten noch einmal eine Verletzung, die er unter Narkose durch den Anästhesisten erlitten hatte. Danach waren seine Herzbeschwerden zeitle- bens verschwunden, und auch sein Internist erklärte sein Herz schließlich für gesund.
Perls hatte in Wien als Psychiater bei Sigmund Freud studiert und war zum Pionier der humanistischen Psychologie gewor- den. Nachdem er am eigenen Leib die auch seelisch tiefgrei- fende Wirkung der Strukturellen Integration, wie Rolfing eigentlich heißt, erfahren hatte, gehörte es für seine Studen- ten zu ihrer Ausbildung als Gestalttherapeuten, sich von ihr „rolfen“ lassen. Er sah in Ida Rolfs Arbeit den idealen Weg, unbewusste Muster im Körper zu lösen, damit sie gefühlt, ausgedrückt und in der Gegenwart freigesetzt werden konnten.
Bereits in England hatte Ida Rolf mit Psychologen zusammen gearbeitet. Esalen jedoch war in den 60er Jahren die Hochburg des Human Potential Movement. Das kreative Umfeld erleich- terte die gegenseitige Befruchtung unterschiedlicher Ansätze. Dort traf ihre Arbeit auf einen fruchtbaren Boden und wurde begeistert aufgenommen. Sie konnte nun endlich Leute be- handeln, die für ihre Entwicklung als ganze Menschen aufge- schlossen waren. Fritz Perls forderte sie dringend auf, ihre Lebensarbeit weiter zu geben. Darauf hin begann sie, zuerst in Esalen eine neue Generation von Lehrern  heran zu bilden.

1970 wurde die Guild of Structural Integration ins Leben geru- fen und 1973 in Rolf Institute of Structural Integration umbe- nannt. Das Rolf Institute dient der Ausbildung, kontinuierli- chen Weiterbildung und Forschung sowie als Organisation der zertifizierten Rolfer.
Die Grundprinzipien Ida Rolfs gelten weiterhin: Rolfing lässt sich immer noch als eine Art beschleunigter Yoga-Kurs anse- hen, der Körper, Seele und Geist in der Gegenwart verbindet.
Die Vorgehensweise wurde in vielfältiger Hinsicht erweitert und verfeinert. So finden z.B. die verschiedenen subtilen Rhythmen des Körpers ebenso Berücksichtigung wie die Rolle der Wahrnehmung und des Nervensystems.

Heute arbeiten über 1000 Rolfer in allen Erdteilen.