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    Rolfing und Rolfing Bewegungs-Integration
     

       (Dieser Artikel stammt im wesentlichen aus dem Jahr 1996;
             in Kürze erscheint eine grundsätzlich neue Fassung.)


    Die von Dr. Ida Rolf (1896 – 1979) entwickelte Strukturelle Integration, wie Rolfing eigentlich heißt, wurde seit den Sechziger Jahren in größerem Umfang bekannt. Sie behandelte damals im Esalen-Institut in Kalifornien u.a. den Begründer der Gestaltthera-
    pie, Fritz Perls, der dieses prägende Erlebnis in seiner Autobiogra-
    phie ausführlich beschreibt. Angetan von der befreienden Wirkung auf eingefleischte seelische Muster, mussten sich daraufhin alle seine Schüler im Rahmen ihrer Ausbildung von Ida Rolf behandeln lassen. Ferner legte er ihr dringend nahe, eine Schule zu gründen und ihre Erkenntnisse systematisch weiter zu geben. Zu diesem Zeitpunkt war Ida Rolf bereits siebzig Jahre alt und konnte auf Jahrzehnte praktischer Erfahrungen zurückblicken.
    Die Wurzeln ihrer Arbeit liegen u.a. in der Homöopathie, Osteopa-
    thie, dem Yoga und spirituellen Richtungen wie z.B. den Lehren Gurdjieffs. Hinzu kamen eigene wichtige Beobachtungen sowie Er-
    kenntnisse aus ihrer Tätigkeit als Biochemikerin; sie promovierte 1920 in Biochemie und Physiologie.
    Wie sie selbst formulierte, lag ihr Hauptinteresse darin, dem Men-
    schen in seiner Evolution ein Stück weiter zu helfen. Das gilt ins-
    besondere für den evolutionär sehr jungen aufrechten Gang, der entwicklungsge schichtlich noch nicht abgeschlossen ist.
    In ihren eigenen Worten:
    “Wir sind noch keine aufrechten Menschen, sondern erst auf dem Weg dorthin. Eine Aufgabe des Rolfers besteht darin, diesen Prozeß zu beschleunigen. Unser Ziel ist es, den Men-
    schen dabei zu unterstützen, daß die Schwerkraft positiv auf ihn wirkt, das heißt, daß sie ihn aufrichtet und ihn nicht nach unten zieht.”

    Insbesondere sucht das Becken bei den meisten Menschen noch seinen optimalen Platz. Dementsprechend geht Rolfing nicht von einem Krankheitsmodell aus und strebt auch keine Krankheitsbe-
    handlung an, sondern die Förderung der Entwicklung des Men-
    schen als einen jeweils individuellen Prozeß der Gesamtperson, ausgehend vom Körper und seinen Bewegungen.

    Ida Rolf war sich vollauf bewusst, dass der Körper sich über seine Bewegung in Beziehung zur Umwelt und insbesondere im Kontakt mit anderen Menschen formt. Während sie sich schwerpunktmäßig damit befasste, ihr System der Strukturellen Integration zu leh-
    ren, forderte sie daher einige an Bewegung interessierte Rolfer auf, auf der Grundlage der von ihr herausgearbeiteten Prinzipien die sogenannte Rolfing Movement Integration zu entwickeln.

    Rolfing als Strukturelle Integration und Rolfing Movement ergänzen einander.
    Die Strukturelle Integration legt den Akzent mehr auf die Befreiung chronisch verspannten und verkürzten Bindegewebes. Das ist nur möglich, wenn die einzelnen Körpersegmente physiolo-
    gisch optimal über- bzw. untereinander angeordnet sind, also in Harmonie mit dem Schwerefeld der Erde.
    Die Rolfing-Bewegungs-Schulung erlaubt die bewusstere Wahr-
    nehmung von „eingefleischten“ Bewegungsmustern und ihren see-
    lisch-geistigen Zusammenhängen. Sie eröffnet damit die Möglich-
    keit, angemessenere Bewegungsformen wählen und integrieren zu können.
    Chronische Verspannung tritt stets zusammen mit fehlendem Be-
    wusstsein in dem betroffenen Körperbereich auf, ja beide Erschei-
    nungsformen sind zwei Aspekte derselben Einschränkung. Häufig liegt der Grund in erworbenen Automatismen, die die Anpassungs-
    fähigkeit an die unterschiedlichen Lebenssituationen einschränken – also eher im Funktionalen, eher in der Koordination als im Orga-
    nischen, es handelt sich um eine neurologische Verklebung (Hubert Godard). Daher lautet die Frage beim Rolfing, was an einer Bewegung hindert und wie man diese  selbstschädigenden Muster loslassen und durch geeignetere ersetzen kann. Es wird gestärkt, was bereits als Potenz vorhanden ist, um auf dieser Grundlage durch gemeinsames Erforschen neue Bewegungsmög-
    lichkeiten zu erfahren. Der Klient entscheidet, ob und wann er sich ändert bzw. eine andere Haltung und Bewegungsweise ein- nimmt, die immer auch eine andere seelische Haltung resp. Bewegung ist.
    Effizienz bedeutet, man selbst zu sein. In Bezug auf ursprüngliche Bewegung heißt das, von seiner tiefsten Schicht her Bewegung zulassen zu können, statt sich äußeren Idealvorstellungen zu unterwerfen. Authentische Bewegung lernt man durch Empfindung, nicht durch Imitation. Dabei hilft der Anschluß an die Millionen Jahre alte Intelligenz und Erfahrung des Körpers mit der Schwerkraft.
     


    Rolfing ist eine Bewegungs- und Bewusstseinsschulung über den Körper in Verbindung mit einer tiefen manuellen Bindegewebs-
    arbeit. Es strebt die Entwicklung einer inneren energetischen Linie an, die in etwa dem Verlauf der Wirbel„säule“ entspricht. Um sie herum organisiert sich der Mensch neu und bewegt sich so in Har-
    monie mit der Schwerkraft. Die Übereinstimmung des kleinen Energiefelds des Menschen mit dem umfassenderen der Schwer-
    kraft bringt – nicht nur – den Körper auf einen heilsamen Weg: Die Schwerkraft wird zum Therapeuten. Häufig führt das dazu, dass chronischen Beschwerden der Boden entzogen wird.
    In diesem Zusammenhang wäre es zutreffender, vom Leib des Menschen zu sprechen, der die Einheit von Körper, Seele und Geist meint und zum Ziel hat. Die Hirnrinde erlaubt uns Distanz zu unserem Sein, damit Kontrolle und Bewusstsein – aber inzwischen haben wir diese Fähigkeit auf Kosten unserer Einheit überentwickelt. Diese schädigende Spaltung aufzuheben, Sein und Tun auf einer höheren Ebene zu vereinen, war ein grundlegendes Anliegen Ida Rolfs.

    Von der physischen Seite her gesehen bedeutet Evolution des Menschen die Entwicklung des aufrechten Ganges. Im Gegensatz zu den Säugetieren, von denen wir ja entwicklungsgeschichtlich abstammen, muß der Mensch sein ganzes Körpergewicht auf der relativ kleinen Fläche seiner Fußsohlen ausbalancieren. Von daher ist die menschliche Basis – in jeder Hinsicht – unsicherer und störanfälliger; andererseits entlastet die Aufrichtung in die Senk-
    rechte erst die Hände, die so zum „Handeln“ und „Begreifen“ frei werden und ermöglicht die spezifisch menschliche Qualität des aufrechten Gangs mit seiner Verbindung zwischen Himmel und Erde, oben und unten. So haben wir zwei Zentren, Schultergürtel und Beckengürtel, Herz und Bauch. Allerdings haben die meisten Menschen den Schritt der vollständigen gelösten Aufrichtung in ihrer Entwicklung nicht vollzogen bzw. im Lauf ihres Lebens wieder verloren.

     

     


    Das oben abgebildete Rolf-Logo ist der Schattenriß eines vier-
    jährigen Jungen vor und nach seinen Rolfing-Sitzungen, der von Ida Rolf in den Fünfziger Jahren behandelt wurde. Deutlich sicht-
    bar ist seine aus dem Lot geratenen Struktur vor Beginn der Sitz-
    ungen, die sich in Verschiebungen und Verdrehungen und damit einhergehenden Kompressionen von Körpersegmenten zeigt und entsprechende Verkürzungen mit sich bringt. Das Bild rechts zeigt die spätere Ausrichtung gemäß der Schwerkraft.

     

    Aus dem Lot geraten

    Rolfing unterscheidet zwischen Haltung, die gemacht ist oder ein momentanes Gefühl ausdrückt, und der nicht gemachten, sich nur langsam verändernden Struktur, die aus dem mehr oder weniger gelungenen Zusammenspiel zwischen der Aufrichtung des Men-
    schen, dem Einfluß der Schwerkraft und der ausgeglichenen Spannung des gesamten Bindegewebes resultiert.
    Die Körpersegmente müssen in sich lebendig und durchlässig in der richtigen Lage und im rechten Spannungsverhältnis mitein-
    ander verbunden sein.
    So ermöglichen sie Freiheit in der Bewegung sowie eine hohe Or-
    ganisation und Stabilität in Hinblick auf einen ökonomischen Energieverbrauch und eine optimale Funktion der Körpersysteme (Atmung, Kreislauf, Stoffwechsel, Immunsystem, Nervensystem etc.).

    Jeder Bewegung geht eine sogenannte Vor-Bewegung voraus, die den Körper in Bezug auf die Schwerkraft aussteuert, damit man nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Dieser primäre (tonische) Teil der Muskulatur untersteht dem Bewusstsein nicht direkt und legt den Rahmen für darauf folgende absichtliche Bewegungsmög-
    lichkeiten fest. Er muß frei sein von der dem Willen unterstehen-
    den Skelettmuskulatur, damit diese nicht in grundlegende Bewe-
    gungsprozesse störend eingreift. Eine so erreichte Einheit und Zentriertheit wirkt sich lebenssteigernd auf den ganzen Menschen aus, spart Energie und ermöglicht elegante, gelöste Bewegungen.

    Ständige Konflikte im Körper (als Folge von körperlichen und see-
    lischen Verletzungen, schlechter Haltung, beruflich oder durch Sport bedingter Überbeanspruchung oder Einseitigkeit) äußern sich als Spannung und Lageveränderungen seiner Teile. Jede Abwei-
    chung wird durch muskuläre Verhärtungen und Verkürzungen des Bindegewebes aufrechterhalten, das die überbeanspruchte Musku-
    latur durch Verdickung und Verklebung zu entlasten versucht; der rechte Tonus wird ersetzt durch Überspannung und Verhärtung mit entsprechender Erschlaffung anderenorts. Solche strukturellen Ver-
    änderungen ziehen kompensatorisch auch weiter entfernte Stellen des Körpers in Mitleidenschaft. Statt in seinen optimalen Möglich-
    keiten zu leben, muß man sich gegen die Schwerkraft behaupten, die durch ihren Druck die bereits deformierte Struktur weiter bela-
    stet, verformt und verfestigt.

    Die obigen Zeichnungen verdeutlichen die Wichtigkeit der aus-
    gewogenen Spannung im Gegensatz zu einseitiger “Entspannung”.

     

    Erde und Himmel – Schwerkraft und Auftrieb

    Zentripedale und zentripetale Wirkungen der Gravitation wirken allgegenwärtig – die physische Struktur des Menschen muß sich dieser übergeordneten Kraft anpassen, um nicht in einen aus-
    sichtslosen Kampf mit ihr zu geraten. Anders gesagt: Der Mensch wird nur dann von der Gravitation gestärkt, gestützt und aufge-
    richtet, wenn seine Struktur mit den senkrecht wirkenden Kraft-
    linien der Gravitation harmoniert. Das ist dann der Fall, wenn im Stehen der Schwerpunkt des Körpers nahe an seiner senkrechten Achse liegt, die von der Seite gesehen durch die Mitte des Kopfes, der Wirbelsäule, durch den Beckenboden, die Knie, die Knöchel und von dort durch die Füße verlaufen sollte. Je weiter diese Achse von der Körpermitte entfernt ist, desto mehr Kraft muß aufgewendet werden, um den Körper zu bewegen und ihn aufrecht zu halten. Idealerweise wird er von unten unterstützt und von oben wie eine Gliederpuppe gehalten. Sonst befindet er sich im permanenten Krieg mit der Schwerkraft, der ihn schwächt und den er auf die Dauer verlieren muß – mit entsprechenden Folgen für sein körperliches und seelisches Wohlbefinden und damit auch für sein geistiges. Die Faszien der Skelettmuskulatur übernehmen dann Aufgaben, die eigentlich den Knochen zukom-
    men. Sie verdicken und verkleben miteinander und verhärten ent-
    sprechend. Dadurch ziehen sie die Gelenke aufeinander und schränken die Bewegungsmöglichkeiten ein.
     
    Während Bewegungen gestaltet sich das Verhältnis zur Schwer-
    kraft komplizierter: Es geht um das harmonische Zusammenspiel von Muskeln und ihren Antagonisten, den Fluß der Bewegung, die ständige Anpassung des sich bewegenden Körpers an die Bedingungen der Schwerkraft sowie sein, auch seelisches Verhält-
    nis zum Umraum, in dem diese Bewegungen stattfinden.

    Meist bevorzugen wir eine Richtung der Orientierung und Organi-
    sation unserer Wahrnehmung und Bewegung. Wir orientieren uns am Himmel bzw. dem Umraum und finden nur schwer den Boden  – oder umgekehrt am Boden und finden nicht die Leichtigkeit des Himmels. Vom Himmel gehalten und vom Boden getragen zu sein, ermöglicht freie Beweglichkeit. Oben und unten, den umgebenden Raum und Boden unter sich zu vereinen, ist eine neue Qualität des Seins, in der sich scheinbar aus- schließende Widersprüche aufgehoben sind. Davon hängt auch die Fähigkeit der Muskulatur ab, sich effektiv in zwei Richtungen zu dehnen und jede Bewegung mit einer Entspannung und Öffnung der Gelenke zu beginnen, statt sich zusammen zu ziehen und somit den Bewegungsspielraum unnötig zu beengen.

     

    Faszien – das strukturgebende Organ

    Das Bindegewebe = Faszien umhüllt und unterstützt unseren Körper und durchzieht ihn als zusammenhängendes, elastisches, dreidimensionales Organsystem mit vielfältigen Aufgaben. Es hält die Körpersegmente an ihrem Platz, verhilft dem Menschen bei ausgewogener Spannung zu Auftrieb, trennt und verbindet Orga-
    ne, Knochen, Muskelgruppen, einzelne Muskeln usw. und sorgt da-
    für, dass diese aufeinander gleiten können. In seiner gröbsten Form tritt es als Sehnenplatten auf, in seiner feinsten Ausprägung hält es die Zellorganellen an ihrem Platz. Es leitet Körperflüssig-
    keiten und übt zusammen mit Muskelbewegungen eine Pump-
    funktion aus, ist somit ein wichtiger Faktor des Flüssigkeits- austauschs auf allen Ebenen des Organismus. In Verbindung mit dem Nervensystem bestimmt es die Bewegungen der Gelenke und somit die Qualität und Richtung jeder Bewegung. Ferner speichert es Erfahrungen und hat hierüber eine Verbindung zum Unterbe-
    wussten. Es ist Träger von Informationen und Lebensenergie. Wegen seiner umfassenden Funktionen ist ein elastisches, freies Bindegewebe von ausschlaggebender Bedeutung für die Gesund-
    heit des ganzen Menschen; Ida Rolf bezeichnete es als die „Nahtstelle zwischen den drei Körpern“, also Körper, Seele und Geist.

     


    Diese elektronenmikroskopischen Aufnahmen des Bindegewebes zeigen links einen Ausschnitt der Fascia lata, die auf der Außen-
    seite des Oberschenkels die Hüfte mit dem Unterschenkel ver-
    bindet. Deutlich erkennbar ist die scherengitterartige Anordnung ihrer Fasern, ähnlich einem Nylonstrumpf. Äußerst zugfest und gleichzeitig hochelastisch, geben sie dem Körper Halt und Struk-
    tur. Auf dem Foto rechts sehen Sie das Fasernetzwerk noch einmal vergrößert.

    Faszien können sich unter körperlicher und seelischer Belastung verkürzen, verdicken, miteinander verkleben. Sie schränken die Bewegungsfähigkeit zusätzlich dadurch ein, dass Skelettmuskeln Knochen mit-
    einander verbinden und so die Gelenke aufeinander ziehen. Muskeln fühlen sich dann hart, sehnig, knotig, verkürzt, er-
    schlafft und unbelebt an, der sie er- nährende Stoffwechsel sowie die Zufuhr von Lebensenergie allgemein sind einge-
    schränkt.
    Da über das Fasziennetz jeder noch so kleine und entfernte Teil des Körpers mit dem Ganzen in Verbindung steht, können sich Kompensationen weit entfernt vom Ursprungsort zeigen. Die Gesamtheit die-
    ser Kompensationen drückt sich in sicht-
    baren und tastbaren strukturellen Mu-
    stern aus, die im allgemeinen als „schlechte Haltung“ bezeichnet werden. Das Bindegewebe paßt sich dank seiner Plastizität einer aus dem Lot geratenen Körperstruktur an und hält sie in diesem Muster fest; der selben Plastizität ist es aber auch zu verdanken, dass sich unphysiologische Haltungs- und Struktur-
    muster in der Behandlung ausbalancieren lassen.

     

    Ein recht häufiges Muster ist das folgende: Das Becken ist vor-
    geschoben, der Oberkörper gleicht durch Rücklage aus, der Kopf wiederum verlagert sich nach vorne, und die Knie sind durchge-
    drückt. Die Körpersegmente sind nicht senkrecht übereinander an-
    geordnet, sondern wie eine Ziehharmonika gegeneinander ver-
    schoben. Auf dem Diagramm rechts läßt sich gut die Ausrichtung in der Horizontalen erkennen.
     

    Von der physiologisch optimalen Anordnung und Bewegungsfrei-
    heit der Körpersegmente hängt auch die Funktion der inneren Organe ab. Besonders auf dem Foto links ist deutlich zu sehen, wie die gesamte Person in sich zusammensackt: Der Brustkorb wird vom Schultergürtel zusammengedrückt, schränkt dadurch die Atmung ein und komprimiert die Bauchorgane. Das vorgeschobene Becken lässt den Bauch „herausfallen“, ist in seinen Bewegungen blockiert und kann nicht frei schwingen – der nach hinten herausgewölbte Rücken und der vorgestreckte Kopf versuchen, die Beckenverlagerung auszugleichen. Die Knie sind durchgedrückt und blockiert, das Gewicht lastet auf den Fersen, statt vom ganzen Fuß getragen zu werden.

     

    Beispiel Becken

    Neben dem oberen Bewegungszentrum vor dem Scheitelpunkt der Brustwirbelsäule kommt dem Becken im Strukturgefüge des Körpers eine Schlüsselposition zu. In einigen Kulturen gilt es als der Sitz der Kraft (Hara, Kundalini). Der Name Kreuzbein, lateinisch os sacrum, Heiliges Bein, weist auf seine zentrale Bedeutung auch in unserer Kultur hin. Ein frei beweg-
    liches Becken erfordert mehrere Voraussetzungen: Alle Körpersegmente müssen in einer Achse übereinander und im richtigen Abstand angeordnet sein. Verschieb-
    ungen von Segmenten wie auf der unteren Zeichnung bewirken Verkürzung  der Rückseite und Überdehnung der Vorderseite, das Becken  kippt nach vorne und kann die Bauchorgane nicht aufnehmen, so daß diese nach vorne unten „herausfallen“ und als Bauch hervor-
    treten. Der zusammengesackte Oberkörper lastet auf dem Becken, fixiert das Hüftgelenk und dreht die Beine nach außen. Die obere Abbildung zeigt, wie die elastische Spannung der übereinanderliegenden Seg-
    mente den Körper aufrichtet, so dass das Becken wie bei einer Schaukel an den Rückenfaszien, dem großen Bauchmuskel und dem Psoas beweglich aufgehängt ist, die sich gegenseitig in ihrer Funktion ergänzen. Unter der Voraussetzung, dass das Hüftgelenk frei ist, kann sich das Becken bei jedem Schritt nicht nur seitlich bewegen, sondern der tief liegende Psoas lässt wie bei einer Schaukel das Becken auch sanft von hinten nach vorne schwingen. Dieses Schwingen bewirkt u.a. ein müheloses Gehen aus der Körpermitte sowie eine entspannte Dehnung und Durchblutung der Kreuzgegend. Die autonomen Nervenplexus der Lenden- und Kreuzbeingegend werden bei jedem Schritt angeregt. In den Poas eingebettet und auf die leichte Massage durch den Psoas beim Gehen angewiesen, liegt als wich-
    tiges Nervenzentrum der Lumbalsacral-Plexus, der für Verdauung und Sexualität zuständig ist und quasi als Pumpe für die Lebens-
    energie wirkt. Die gelöste Aufrichtung und rechte Spannungsver-
    hältnisse sind auch Voraussetzung für ein freies Zwerchfell, das ungehindert auf- und absteigen kann.

     

    Anwendungsgebiete des Rolfing

    - Als “Verjüngungskur” zur Verbesserung des Allgemeinbefindens   und zur Erhöhung der Flexibilität in körperlicher, seelischer und    geistiger Hinsicht. Die damit einhergehende Entspannung,           Belebung und Durchblutung aller Zellen führen zu mehr Schön-     heit und Jugendlichkeit.
      Belastende, längst vergangene Erlebnisse, die sich in gebeugter    Haltung und Verfestigungen niederschlagen, kann man sich         buchstäblich “den Buckel runterrutschen” lassen.

    - Befreiung von chronischen Spannungen und Einschränkungen

    - Förderung des Körperbewußtseins

    - eigenverantwortliche Gesundheitsvorsorge

    - Unterstützung der geistig-seelischen Entwicklung bei der Aus-      übung von Meditation, Yoga, kreativem Ausdruck oder Therapien; Rolfing kann in diesem Prozeß “Knoten lösen” und neue Impulse  geben.

    Es hilft u.a.
    - Sportlern;Tänzern, Sängern, Schauspielern, Musikern usw., die      sich über ihren Körper ausdrücken
    - Menschen mit Bewegungsmangel oder beanspruchender, ein-      seitiger körperlicher Tätigkeit


    - Frauen zur Erleichterung der Schwangerschaft und Geburt. Nach    der Entbindung, um ihre frühere Form und Beweglichkeit wieder    zu erlangen.

    Von Rolfing können Menschen jeder Altersgruppe profitieren
    - Kinder, um Haltungsschäden vorzubeugen und sie in ihrer            Entwicklung  zu fördern
    - bis zu alten Menschen, die vitaler und beweglicher werden          möchten.
     




    Leib und Seele

    Zwischen Gefühlen und Muskelspannungen besteht bekanntlich eine unmittelbare Entsprechung. Aristoteles drückte das so aus: “Seele und Körper reagieren sympathetisch aufeinander; eine Änderung in der Verfassung der Seele ruft eine Änderung in der Form des Körpers hervor und umgekehrt; eine Änderung der Körperform bewirkt eine Änderung des Seelenzustands.”



    Angst beispielsweise drückt sich in hochgezogenen Schultern, reduzierter Atmung, Schwitzen und  eingezogenem Kopf aus. Erlebnisse aus der Kindheit können sich zu einer bleibenden Körperhaltung verfestigen, deren Ursache längst vorüber ist, aber im Zellgedächtnis gespeichert bleibt und von dort aus chronische Gefühle bewirkt, die mit der gegenwärtigen Lebenssituation nichts zu tun haben müssen. Wenn derartige seelische Projektionen körperlicher Verfestigungsmuster sich auflösen, kann auch auf der seelischen Ebene eine Veränderung eintreten, und das ziemlich rasch.
     

    Wie sieht Rolfing praktisch aus

    Die klassische Behandlungsweise, wie sie ursprünglich von Ida Rolf gelehrt und seitdem innerhalb des Rolf-Instituts weiterent-
    wickelt wurde, besteht in einer Folge von 10 Sitzungen, in denen das gesamte Fasziennetzwerk systematisch ausgeglichen und befreit wird.
    Analyse und Besprechung der jeweiligen Struktur des Klienten und seiner Bewegungsmuster sowie evtl. Fotos zur Dokumentation der Veränderungen sind Teil jeder Sitzung.
    Die ersten 3 Sitzungen befreien die äußeren Bindegewebs-
    schichten der Vorderseite, der Beine, des Rückens sowie der bei-
    den Körperseiten. Es wird mehr Innenraum, Länge, Beweglichkeit von Becken und Brustkorb sowie insbesondere ein verbesserter Bodenkontakt angestrebt, um die in den nächsten 4 Sitzungen er-
    folgende tiefe Gewebearbeit zu ermöglichen und integrieren zu können. In den letzten 3 Sitzungen stehen die Integration aller Körpersegmente und durch die Behandlung entstandene neue, an-
    gemessenere Bewegungsmöglichkeiten im Vorder- grund.
    Die oft tief gehende Berührung kann Gefühle und Erinnerungen auslösen, die in die Behandlung einbezogen werden. Die Vor-
    gehensweise wird in ständigem, auch nonverbalem, Dialog auf die individuellen Bedüfnisse des Klienten abgestimmt.
     

    Weiterführende Sitzungen

    An die 10 Grundsitzungen können sich 5 Fortgeschrittenen-
    sitzungen anschliessen werden, für die ein “Certified Advanced Rolfer” besonders ausgebildet ist. Sie sind dahingehend konzi-
    piert, nach einer individuell unterschiedlichen Integrationsphase von ca. 1/4 bis 2 Jahren die bisher erreichten positiven Verän-
    derungen im Sinne einer erhöhten Körperbewußtheit und -befreiung weiter zu führen; dies betrifft vor allem eine qualitativ neue Wahrnehmung der Innenräume, seiner selbst im Verhältnis zur Umgebung sowie eine Bewegungsfähigkeit mehr von innen, der inneren “Achse”, dem eigenen Zentrum heraus.

    Abgesehen von diesen beiden Sequenzen werden gerne entwick-
    lungsbegleitend Sitzungen genommen, vielfach auch in Krisen-
    situationen, in denen ein erhöhtes Zentriert- und bei-sich-Sein die innere Klarheit und Entscheidungsfähigkeit stärken sowie auch die Kraft erhöhen kann, schwierige Phasen durchzustehen.

    In zunehmendem Maße wird auch berufsbegleitendes Couching ge- wünscht, z.B. zur Selbstrepräsentation von Managern, Schau-
    spielern, Künstlern jeder Art.

    Auch Rolfing Movement Integration - Sitzungen können separat genommen werden, um unproduktive Bewegungsmuster zu erkennen und geeignetere zu entwickeln. Die entsprechend ausge-
    bildeten Rolfer integrieren diesen Ansatz jedoch meist in die Sitzungen des Strukturellen Rolfing.
     

    Vorgehensweise

    Eine Rolfing-Sitzung dauert in der Regel eine Stunde. Besonders während der ersten Sitzungen liegt der Klient zumeist auf einer Massagebank, um ihn dem Einfluß der Schwerkraft zu entziehen. Später findet die Behandlung auch im Sitzen, Stehen, Gehen und mithilfe bestimmter Bewegungsabläufe statt. Auf verklebte, ver-
    dickte und verkürzte Bindegewebsschichten übt der Rolfer syste-
    matisch einen sanften, aber anhaltenden Druck aus, um das gesamte Fasziennetz zu befreien und auszubalancieren sowie Körpersegmente, Muskelgruppen usw. an den ihnen angemesse-
    nen Platz zu verschieben. Der Klient unterstützt diesen Prozeß durch seine innere Aufmerksamkeit, seinen Atem und gezielte Bewegungen. Gelegentlich können mit dem Lösen von Bindege- websverklebungen und in ihnen “gespeicherter” seelischer Schmerzen und Erinnerungen Empfindungen von Brennen oder Schneiden auftreten. Dies sind begleitende Reaktionen des Binde-
    gewebes, die sofort aufhören, sobald das Gewebe befreit ist.
     

    Was Sie vom Rolfing erwarten können

    Die meisten Klienten berichten nach den Rolfing-Sitzungen von einem besseren Bodenkontakt, mehr Auftrieb, Beweglichkeit, Spannkraft, Ausdauer und Energie. Sie erleben sich freier, be-
    schwingter, aufrechter, entspannter, jugendlicher, attraktiver; die Bewegungen werden fliessender, ökonomischer, eleganter. Häufig wirkt sich das neue Körpergefühl auch seelisch aus: Beweglichkeit und ein aufrechter Gang fördern das Selbstbewußtsein, man ist mehr bei sich, kann sich besser akzeptieren und nimmt seine Um-
    welt offener wahr, die einem daraufhin auf eine neue Weise ent-
    gegenkommt. Meist verfügt man über mehr Lebenskraft und re-
    generiert sich schneller; körperliche Beschwerden, die dem Kampf gegen die Schwerkraft entstammen, lösen sich auf.
    Die Erfahrung, daß der scheinbar unveränderliche Körper sich ändert, macht Mut zu weiteren Veränderungen im Leben.
     

    Kosten

    Die Kosten werden von den Krankenkassen nicht getragen, da Rolfing keine Krankenbehandlung ist. Bis zum Ende der 90er Jahre erstatteten einige Kassen Vorsorgemaßnahmen wie z.B. auch Yoga. Diese Leistungen wurden damals  infolge der finanziellen Krise unseres Sozialsystems abgeschafft. Da nunmehr wieder der Ruf nach Eigenverantwortung und Vorbeugung lauter wird, ist zu erwarten, daß die Kassen in Zukunft aus Gründen der Kosten-
    dämpfung die Eigeninitiative zur Gesunderhaltung finanziell hono-
    rieren werden.
    Wenn Sie Beschwerden irgendwelcher Art haben, konsultieren Sie bitte vor den Sitzungen in Struktureller Integration einen Arzt.
     

    Verbindung mit anderen Professionen

    Rolfer haben, abgesehen von ihrer Ausbildung am Rolf-Institut, einen sehr unterschiedlichen Hintergrund in Bezug auf frühere berufliche Tätigkeiten, ihren persönlichen Entwicklungsgang sowie ihre Interessen. Viele von ihnen arbeiten gerne mit anderen Berufsgruppen zusammen, die die Entwicklung des Menschen för-
    dern. Neben östlichen Disziplinen wie  Yoga, Aikido, Qui Gong, Meditation usw. zählen hierzu u.a. Tanz-, Gesangs- und Schau-
    spielausbildung; ferner ganzheitlich arbeitende Therapeuten, Heil-
    praktiker und Ärzte verschiedener Richtungen.

    Die Begriffe Rolfing® und Rolfer® sind gesetzlich geschützt. Das soll Klienten garantieren, daß der Benutzer dieser Bezeichnungen auch tatsächlich am Rolf-Institut studiert hat und sich nicht nur den “guten Namen” für seine Arbeit zunutze macht, ohne eine enstprechend fundierte Ausbildung erhalten zu haben.
    In München befindet sich das Europäische Rolf-Institut:
    European Rolfing Association e.V., Nymphenburgerstr. 86,
    80636 München, Tel. 089-54370940,
    e-mail rolfingeurope@compuserve.com.
    Wenn Sie auf der website des amerikanischen Rolf-Instituts in  Boulder/ Colorado vorbeischauen und dort publizierte Artikel lesen möchten: www.rolf.org